Regenbogenbrücke findet in Tel Aviv große Unterstützung

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Posted by admin | Posted in Presse | Posted on 15-06-2010

Zur Vorbereitung der Regenbogenbrücke reisten Bastian Finke, MANEO-Projektleiter, Tom Schreiber, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses, und André Lossin, Geschäftsführer der jüdischen Gemeinde zu Berlin, nach Tel Aviv. Auf ihrem Programm standen Gespräche mit der örtlichen Polizei, der Stadtverwaltung, der Deutschen Botschaft, sowie mit Vertretern von LGBT-Organisationen und ein Besuch des Zentrums Agudah. Ihr Besuch führte zu einem Durchbruch in den Beziehungen zwischen LGBT-Organisationen und der Polizei in Tel Aviv. Bastian Finke übergab Vertretern von Agudah Kondolenzbücher, in die sich nach dem Anschlag zahlreiche Berliner und Berlinbesucher eingetragen hatten.

Als am Abend des 1. August 2009 eine vermummte Person das schwullesbische Zentrum „Agudah“ in Tel Aviv betrat, schoss er ohne Vorwarnung auf junge Lesben und Schwule, die sich zu dieser Zeit in dem Treffpunkt aufhielten. Jeder Schuss traf. Zwei junge Menschen starben, dreizehn weitere wurden zum Teil schwer verletzt, viele weitere Mitarbeiter des Zentrums und Zeugen, die den Verletzten zu Hilfe kamen, wurden ebenfalls traumatisiert.

Der Anschlag erschütterte die israelische Gesellschaft, traf der Anschlag vor allem einen geschützten Raum, in dem junge Schwule und Lesben sich zurückziehen sowie Unterstützung und Beratung finden konnten. Außerdem hinterließ die Tat den Eindruck, dass der Täter mit großem Hass vorgegangen war, obschon die Tat noch immer nicht aufgeklärt
und der Täter noch immer nicht ermittelt werden konnte. Mit der Tat wurde in der israelischen Gesellschaft erstmals in allen Medien das Ausmaß von Homophobie und die Ausgrenzung von Schwulen, Lesben und Transsexuellen in der israelischen Gesellschaft thematisiert. Schwullesbische Organisationen in Israel sprechen davon, dass nach dem
schrecklichen Anschlag etwas in der israelischen Gesellschaft Bewegung gekommen ist.

Der Anschlag hat ebenso schwullesbische Organisationen in Europa und der ganzen Welt erschüttert. Dies war Anlass, dass MANEO-Projektleiter Bastian Finke sich mit dem für schwullesbische Angelegenheiten betrauten Mitarbeiter der Tel Aviver Stadtverwaltung, Adit Steiner, in Verbindung setzte und vorschlug, im August 2010, also ein Jahr später, die vom Anschlag betroffenen jungen Menschen des Zentrums „Agudah“ nach Berlin einzuladen. Die Berliner Initiative wurde sehr begrüßt. Seither bereitet MANEO in vielen kleinen Schritten die Reise vor. Unterstützt wird die Initiative maßgeblich vom Berliner Abgeordneten Tom Schreiber. Aus dieser Initiative entwickelte sich das Berliner Projekt „Regenbogenbrücke“.

Gespräche mit der Polizei von Tel Aviv

Am Vormittag des 10.06.10 fand eine Besprechung bei der Tel Aviver Polizei statt, hier mit Assaf Almog, dem Leiter der Abteilung Jugend und Gewaltprävention der Polizeidirektion von Tel Aviv. An dem Gespräch nahm Irit Zviely-Efrat, Leiterin einer Bildungseinrichtung der LGBT-Community in Israel, und Adir Steiner, LGBT-Beauftragter der Tel Aviver Stadtverwaltung, teil. In dem Gespräch erklärte Assaf Almog, dass die Polizei zukünftig in Tel Aviv verstärkt
mit schwullesbischen Organisationen zusammenarbeiten und Aufklärungsarbeit bei der Polizei durchführen wolle.
Da es sich bei dieser Ankündigung um einen neue Entwicklung in der Zusammenarbeit zwischen LGBT-Organistionen und Polizei in Tel Aviv handelte, bezeichneten alle Gesprächsteilpartner diese Gespräch als einen Durchbruch. Seit vielen Jahren bemühen sich LGBT-Organisationen in Tel Aviv um Gespräche und eine Verbesserung in der  Zusammenarbeit mit der Polizei. Assaf Almog erklärte außerdem, dass er sich sehr über die Einladung nach Berlin freut, um den Erfahrungsaustausch zum Thema Homophobie und Hassgewalt mit der Berliner Polizei zu führen, die auch für sie eine Vorbildfunktion hat.

Gespräch mit der Deutschen Botschaft

Kurz darauf wurde die Berliner Delegation vom Deutschen Botschafter in Tel Aviv empfangen. Botschafter Dr. Harald Kindermann betonte, dass er die Initiative „Regenbogenbrücke“ außerordentlich begrüßt und unterstützt. Er erläuterte die Reaktionen, die der Anschlag auf das Zentrum „Agudah“ in der israelischen Gesellschaft verursacht hat. Die israelische Gesellschaft zeigte sich nach dem Anschlag schockiert. Der Anschlag habe dazu geführt, dass es sogar auch unter den Ultra-Orthodoxen Bewegung gegeben habe, dass es auch aus ihren Reihen zu einer Verurteilung des Anschlages gekommen war. Die Wahrnehmung und Auseinandersetzung mit dem Thema Homophobie und Hassgewalt ändert sich seither kontinuierlich. Mit dem Anschlag wurde ein Defizit in der Gesellschaft erkannt. Aufgrund der derzeitig schwierigen politischen Lage, die Handlungsspielräume vieler Akteure beschränkt oder auch Handlungen zum Stillstand bringen, sind es gerade Projekte aus der Zivilgesellschaft heraus, u.a. auch kulturelle Begegnungen, die zu neuen Handlungsspielräumen führen können.

Gespräche mit Vertretern von LGBT-Organisationen

Ein Treffen mit etwa 14 Vertretern von LGBT-Organisationen im kürzlich neu begründeten GLBT-Center von Tel Aviv fand am Nachmittag statt, also am Vorabend des Tel Aviver CSD. In dem neuen Zentrum haben mittlerweile alle schwullesbischen Organisationen und Projekte der Stadt ein Büro bezogen, das ihnen die Stadt kostenlos zur Nutzung zur Verfügung stellt. In dem Gespräch mit den Vertretern erläuterte Bastian Finke noch einmal die Ziele und Inhalte der Berliner Regenbogenbrücke. Anwesend waren verantwortliche VertreterInnen der Stadtverwaltung, des Vorstandes des GLBT-Zentrums, des Aufklärungsprojektes „Hoshen“, die Organisation von Eltern „Thila“, „AdamLeAdam-Hizdamnut Latet“, Jugendliche aus der Gruppe „Barnoar“ sowie unmittelbar Betroffene des Anschlages auf das Zentrum „Agudah“, die im August mit nach Berlin kommen werden.

Berlin-Abend mit „Berlin-Tourismus“

Anlässlich des Tel Aviver CSDs veranstaltete Berlin-Tourismus-Marketing (BTM) einen speziellen Berlin-Abend in der Bar „Evita“ und lud hierzu Vertreter der LGBT-Community, der Stadt sowie Vertreter der Reise- und Hotel-Branche
aus Tel Aviv ein. An diesem Abend wurde einmal mehr deutlich, dass unter jungen Israelis die Stadt Berlin eine große Anziehung ausübt, dass mittlerweile jährlich Tausende Touristen nach Berlin reisen, um Berlin als weltoffene Stadt mit seinen einzigartigen kulturellen Angeboten zu erleben, vor allem das Nachtleben mit seinen Veranstaltungen und  Clubs.
Im Rahmen seiner Veranstaltung warb Berlin Tourismus für die Unterstützung der Berliner „Regenbogenbrücke“. Von Berlin aus engagiert sich bereits die BTM für die Initiative und hat mit dazu beigetragen, dass sich Sponsorpartner diesem Projekt angeschlossen haben. Bastian Finke, Tom Schreiber und André Lossin erläuterten in Gesprächen die Initiative und warben damit auch in Tel Aviv um weitere Sponsoren und Unterstützer.

Besuch des Zentrums „Agudah“

Auf dem Programm stand auch ein Besuch des Zentrums „Agudah“. Bastian Finke, Tom Schreiber und André Lossin trafen dort auf Schaul Gonen, einen langjährigen Sozialarbeiter des Zentrums. Er beschrieb eindrücklich, wie sich der Anschlag zugetragen hatte und welche Folgen dieser Anschlag auf die jungen Menschen hinterlassen hat. Im Falle eines jungen Mannes, der von einem Schuss getroffen worden war, ging dieser Anschlag mit einem öffentlichen  Zwangsouting einher. Folge war, dass er von seinem Vater vor die Tür gesetzt wurde und nicht mehr nach Hause kommen durfte. Seither lebt er in einer Adoptivfamilie, die sich rührend um den jungen Mann kümmert.
Bei dieser Gelegenheit übergab Bastian Finke zwei Kondolenzbücher, die MANEO nach dem Anschlag auf das Zentrum entwickelt und im Mann-O-Meter in Berlin ausgelegt hatte. In diesem hatten sich zahlreiche Berlinerinnen ,Berliner und
Berlinbesucher eingetragen und ihre Bestürzung und Betroffenheit zum Ausdruck gebracht. MANEO hatte gemeinsam mit seinen europäischen Partnern zeitgleich eine Mahnwache organisiert, als zehntausende Menschen in Tel Aviv auf die Straße gegangen waren, um gegen den Anschlag zu demonstrieren.

Das Zentrum Agudah wird seit ein paar Wochen renoviert und neu hergerichtet. Es soll in wenigen Wochen wieder eröffnet werden. Schaul Gonen betonte, dass der Anschlag nicht dazu geführt hat, dass junge Schwule, Lesben oder transidentische Menschen dem Zentrum fern geblieben sind – ganz im Gegenteil: Die Anzahl der Nutzer habe sich vervielfacht. In Anbetracht der existierenden Homophobie in weiten Teilen der israelischen Gesellschaft sei das Zentrum nach wie vor ein wichtiger Anlaufspunkt und Rückzugsraum für viele junge Menschen.

Große Resonanz in Tel Aviv

Mit der Initiative „Regenbogenbrücke“ trafen Bastian Finke, Tom Schreiber und André Lossin in Tel Aviv insgesamt
auf große Resonanz. Weitere Gesprächspartner wie Yael Dayan, Vorsitzende des Stadtrates von Tel Aviv, und Ayala Katz, die Mutter der ermordeten 26-jährigen Nir Katz, unterstützen die „Regenbogenbrücke“. Sowohl Yael Dayan als auch Ayala Katz, ebenso ihre Tochter Chen Katz, werden zu den Teilnehmern der beiden Gruppen gehören, die im August nach Berlin und Köln reisen werden.

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